Meine Meinung !

Hier finden Sie aktuelle, aber sehr persönliche, Meinungen zu bestimmten Themen in der Physiotherapie. 

 

 

Die Diskussion über Einsparungen in der Physiotherapie ist ein Paradebeispiel dafür, wie weit sich gesundheitspolitische Entscheidungen inzwischen von der Versorgungsrealität entfernt haben. Die Physiotherapie verursacht lediglich rund vier Prozent der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung. Ausgerechnet in diesem Bereich sollen nun weitere Einsparungen vorgenommen werden. Das ist weder sachlich nachvollziehbar noch gesundheitspolitisch verantwortbar.

 

Physiotherapeuten verhindern nicht nur Verschlechterungen von Erkrankungen. Sie sorgen dafür, dass Menschen nach Operationen, Unfällen oder schweren Erkrankungen wieder in ihren Alltag, ihren Beruf und ihre Selbstständigkeit zurückfinden. Sie sichern Mobilität, erhalten Lebensqualität und verhindern oftmals kostenintensive Folgebehandlungen. All das ist bekannt. Niemand, der an diesen Verhandlungen beteiligt ist, kann ernsthaft behaupten, nicht zu wissen, welchen Beitrag die Physiotherapie für die Gesundheitsversorgung leistet.

 

Trotzdem werden seit Jahren unsere Vergütungen gedeckelt, relativiert und klein gerechnet. Von einer leistungsgerechten Vergütung kann keine Rede sein. Für eine krankengymnastische Behandlung werden derzeit knapp 29 Euro vergütet. Das entspricht einem Stundenumsatz von rund 90 Euro. Auf den ersten Blick mag das für Außenstehende akzeptabel erscheinen. Wer jedoch die wirtschaftliche Realität einer Physiotherapiepraxis kennt, weiß, wie absurd diese Betrachtung ist. Die Idee mit der BlankoVerordnung macht die Sache nicht besser, jetzt, wo die entsprechende Pauschale noch gestrichen wird erst recht nicht. Sie ist nur ein Indiz dafür, was eigentlich in diesem Berufsstand seit Jahren schiefläuft.

 

Physiotherapiepraxen sind personalintensive Betriebe mit hohen Raumkosten, steigenden Energiekosten und erheblichen Investitionen in Ausstattung und Geräte. Nicht selten werden mehrere Tausend Euro für technische Geräte investiert, deren Einsatz von den Krankenkassen später mit Beträgen vergütet wird, die in keinem Verhältnis zu den Anschaffungs- und Betriebskosten stehen.

 

Besonders dramatisch ist die Situation bei chronisch kranken Patienten sowie bei der Versorgung in Pflegeheimen und im häuslichen Umfeld. Dort erleben wir täglich die Folgen eines Systems, das auf dem Papier Versorgung verspricht, in der Praxis aber längst an seine Grenzen gestoßen ist.

 

Mit zwei Behandlungen à zwanzig Minuten pro Woche sollen Physiotherapeuten häufig Defizite ausgleichen, die aufgrund der enormen Belastung in der Pflege zwangsläufig entstehen. Das kann weder die Pflege leisten noch die Physiotherapie. Die Betroffenen sind die Patienten.

 

Hinzu kommt die wirtschaftliche Realität der Hausbesuche. Die Hausbesuchspauschalen wurden über Jahre kaum angepasst, während gleichzeitig Kraftstoffkosten, CO₂-Abgaben, Fahrzeugkosten und sämtliche weiteren Betriebskosten massiv gestiegen sind. Wer die tatsächliche Arbeitszeit inklusive Fahrzeiten, Parkplatzsuche, Dokumentation und unvorhersehbaren Verzögerungen berücksichtigt, erkennt schnell, dass viele Hausbesuche wirtschaftlich kaum noch darstellbar sind.

 

Deshalb ziehen sich immer mehr Praxen aus diesem Versorgungsbereich zurück oder sehen sich dazu gezwungen. Gleichzeitig organisieren sich zunehmend Praxen im privaten Markt oder nehmen nur noch eingeschränkt gesetzlich Versicherte auf. Nicht aus mangelnder Solidarität, sondern weil die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen keine andere Wahl mehr lassen.

 

Die Folgen sind vorhersehbar: Die Versorgung derjenigen Patienten, die am dringendsten Hilfe benötigen – ältere Menschen, Pflegebedürftige und chronisch Kranke – verschlechtert sich zunehmend.

 

Seit Jahren weisen Praxisinhaber auf diese Entwicklungen hin. Viele Praxen konnten in der Vergangenheit nur deshalb überleben, weil die Inhaber selbst 50 oder 60 Stunden pro Woche mitarbeiteten und auf einen angemessenen Unternehmerlohn verzichteten. Dieses Modell stößt längst an seine Grenzen.

 

Gleichzeitig beobachten wir, dass immer mehr Praxen von Investoren übernommen werden. Diese Entwicklung ist kein Zufall, sondern die direkte Folge einer Vergütungspolitik, die inhabergeführte Strukturen wirtschaftlich unter Druck setzt. Die Erfahrungen aus Pflegeheimen und Krankenhäusern sollten eigentlich Warnung genug sein. Wollen wir tatsächlich eine Gesundheitsversorgung, die zunehmend von Renditeerwartungen und Aktionärsinteressen bestimmt wird? Wollen wir wirklich, dass Beitragsgelder der Versicherten am Ende zur Gewinnmaximierung von Investoren verwendet werden?

 

Ein weiterer Punkt wird in der politischen Diskussion nahezu vollständig ausgeblendet: die regionalen Kostenunterschiede. In Ballungsräumen wie München liegen die Gehälter und Mietkosten deutlich über dem Niveau vieler ländlicher Regionen. Die Krankenkassen profitieren über höhere beitragspflichtige Einkommen unmittelbar von diesen höheren Löhnen. Die daraus resultierenden Mehreinnahmen werden jedoch nicht an die Leistungserbringer weitergegeben.

 

Physiotherapiepraxen in München sollen für dieselbe Vergütung arbeiten wie Praxen in Regionen mit deutlich niedrigeren Kostenstrukturen. Das ist wirtschaftlich nicht plausibel und langfristig nicht tragfähig.

 

Ebenso wenig nachvollziehbar ist die Haltung vieler Arbeitgeberverbände. Unsere Praxis zahlt inzwischen jährlich mehr als 200.000 Euro in das Krankenversicherungssystem ein. Trotzdem erleben wir regelmäßig, dass Mitarbeiter für notwendige Arzttermine mehrere Wochen warten müssen. Nicht selten bitten sie mich darum, persönliche Kontakte zu nutzen, um überhaupt zeitnah einen Termin zu erhalten.

 

Gleichzeitig erhalten Arbeitgeber immer häufiger telefonische Krankschreibungen, weil eine reguläre medizinische Versorgung gar nicht mehr zeitgerecht erreichbar ist. Das ist zwar kein spezifisches Problem der Physiotherapie, zeigt aber exemplarisch den Zustand eines Gesundheitssystems, das zunehmend an seinen eigenen Strukturen scheitert.

 

Vor diesem Hintergrund ausgerechnet bei der Physiotherapie sparen zu wollen, ist nicht nur fachlich falsch. Es ist ein Ausdruck fehlender Kenntnis der Versorgungsrealität. Wer in einem Bereich sparen will, der lediglich vier Prozent der GKV-Ausgaben verursacht und gleichzeitig maßgeblich dazu beiträgt, Operationsergebnisse zu sichern, Pflegebedürftigkeit hinauszuzögern und Menschen arbeitsfähig zu halten, handelt kurzsichtig.

 

Die Realität in den Praxen sieht anders aus als die Tabellen und Kalkulationen auf den Verhandlungstischen. Wer diese Realität ignoriert, gefährdet nicht die Existenz einiger Praxisinhaber. Er gefährdet die Versorgung hunderttausender Patienten.

 

Ist das die Zukunft die wir wollen?

Zwischen Mensch und Markt – eine kritische Betrachtung der Digitalisierung in der Therapie

 

Am Freitag besuchte ich die Therapiemesse in München, und ein paar Gedanken gehen mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Zwischen den zahlreichen Ständen, Präsentationen und digitalen Innovationen stellte sich mir immer wieder dieselbe Frage: Ist das wirklich die Zukunft, die ich vertreten möchte? Und noch wichtiger: Ist es die Zukunft, die ich meinen Patienten wünsche?

 

Nahezu jede Entwicklung schien sich um dieselben Schlagworte zu drehen: Digitalisierung, Automatisierung, Effizienzsteigerung, Prozessoptimierung. Digitale Terminvereinbarungen, digitale Abrechnungssysteme, digitale Trainingsplattformen, digitale Therapieangebote, digitale Vermittlungsdienste. Überall entstand der Eindruck, dass menschliche Interaktion zunehmend als Kostenfaktor betrachtet wird, der durch technische Lösungen ersetzt oder zumindest reduziert werden soll.

 

Vielleicht bin ich inzwischen ein Fossil.

 

Denn mein Verständnis von Therapie war immer ein anderes. Es basierte auf der Vorstellung, dass therapeutische Arbeit vor allem Beziehung ist. Dass Gesundheit nicht ausschließlich aus standardisierten Prozessen entsteht, sondern aus Begegnungen zwischen Menschen. Aus Gesprächen. Aus Vertrauen. Aus dem Gefühl, wahrgenommen zu werden.

 

In meiner täglichen Arbeit begegne ich nicht nur Diagnosen und Befunden. Ich begegne Menschen.

 

Da ist die ältere Dame, die ihren Termin vergessen hat, weil ihr Mann wenige Tage zuvor verstorben ist. Da ist der Beihilfepatient, der um etwas Geduld bittet, weil ihn Krankenhausaufenthalte und unzureichende Versicherungsleistungen finanziell an seine Grenzen gebracht haben. Da sind Menschen in Lebenskrisen, Menschen mit Ängsten, mit Unsicherheiten, mit Geschichten.

 

Keines dieser Schicksale lässt sich in eine digitale Prozesskette übersetzen.

 

Keine Software kann entscheiden, wann es angemessen ist, Kulanz zu zeigen. Kein Algorithmus erkennt Trauer, Scham oder Verzweiflung. Kein digitales System übernimmt Verantwortung für zwischenmenschliche Entscheidungen.

 

Natürlich bietet Digitalisierung Vorteile. Sie kann Verwaltung erleichtern, Dokumentation vereinfachen und organisatorische Abläufe verbessern. Niemand wird ernsthaft bestreiten, dass viele bürokratische Prozesse effizienter gestaltet werden können.

 

Doch die entscheidende Frage lautet: Dient die Digitalisierung dem Patienten oder dient der Patient der Digitalisierung?

 

Genau an diesem Punkt beginnt meine Skepsis.

 

Besonders deutlich wird dies im Bereich von Trainingstherapie, Krankengymnastik an Geräten und digitalen Therapieplattformen. Häufig wird die technische Innovation mit dem Versprechen verbunden, mehr Patienten in kürzerer Zeit versorgen zu können. Hinter dieser Formulierung verbirgt sich jedoch oftmals ein anderes Ziel: Mit möglichst wenig Personal möglichst viele abrechenbare Leistungen zu erzeugen.

 

Der Patient wird dabei schrittweise vom Menschen zum Nutzer, vom Individuum zum Datensatz, vom Beziehungspartner zum Prozessbestandteil.

 

Gleichzeitig erleben wir in sozialen Medien eine immer aggressivere Kritik an traditionellen Therapieformen. Ständig wird über mangelnde Evidenz diskutiert. Therapeutische Verfahren werden auf einzelne Studien reduziert und ganze Berufsgruppen anhand wissenschaftlicher Kennzahlen bewertet.

 

Wissenschaftliche Evidenz ist zweifellos unverzichtbar. Sie schützt vor Irrtümern, vor unwirksamen Behandlungen und vor ideologischen Fehlentwicklungen.

 

Doch zunehmend entsteht der Eindruck, dass Evidenz nicht mehr nur als Instrument der Qualitätsverbesserung genutzt wird, sondern auch als Marktinstrument. Wer die vermeintlich modernste oder wissenschaftlichste Methode anbietet, positioniert sich erfolgreicher im Wettbewerb um Patienten und Selbstzahler.

 

Dabei gerät ein entscheidender Aspekt aus dem Blick: Therapie findet nicht ausschließlich innerhalb der Grenzen wissenschaftlicher Studien statt.

 

Studien untersuchen Durchschnittswerte. Patienten sind keine Durchschnittswerte.

 

Menschen bringen Biografien, Ängste, Hoffnungen, Erwartungen und individuelle Lebensumstände mit. Der therapeutische Alltag besteht aus unzähligen Entscheidungen, die sich niemals vollständig standardisieren lassen. Gute Therapie entsteht nicht allein durch evidenzbasierte Interventionen, sondern durch die Fähigkeit, diese individuell, empathisch und situationsgerecht einzusetzen.

 

Die größte Gefahr der aktuellen Entwicklung liegt deshalb nicht in der Digitalisierung selbst.

 

Die eigentliche Gefahr besteht darin, dass wirtschaftliche Zwänge zunehmend die Definition von guter Therapie bestimmen.

 

Wenn Erfolg primär über Auslastungsquoten, Automatisierungsgrade und Umsatzkennzahlen gemessen wird, verändert sich zwangsläufig auch das Selbstverständnis therapeutischer Berufe. Dann wird Fürsorge zur Ineffizienz. Zuhören wird zur verlorenen Zeit. Menschliche Nähe wird zum betriebswirtschaftlichen Risiko.

 

Vielleicht ist genau das der Punkt, der mich auf solchen Messen nachdenklich macht.

 

Nicht die Technologie an sich.

 

Sondern die Frage, welche Werte sie transportiert.

 

Geht es tatsächlich darum, Patienten besser zu versorgen?

 

Oder geht es darum, in einem zunehmend ökonomisierten Gesundheitssystem mit immer knapperen Ressourcen noch effizienter Leistungen zu produzieren?

 

Wenn Therapie irgendwann nur noch nach den Maßstäben von Skalierbarkeit, Standardisierung und Wirtschaftlichkeit bewertet wird, verlieren wir möglicherweise genau das, was unseren Beruf ursprünglich ausgemacht hat:

 

Die Begegnung zwischen zwei Menschen, in diesem Fall der Therapeut und Patient/in. 

 

Und vielleicht ist es gerade heute wichtiger denn je, daran zu erinnern, dass nicht alles, was effizient ist, auch menschlich ist – und dass nicht alles, was menschlich ist, jemals vollständig effizient sein kann. 

 

Aber solange sich natürlich auch Krankenkassen aufschwingen um ein 6er- Rezept über Krankengymnastik mit einer Blanko-Verordnung für die Schulter, vollkommen sinnfrei aufzurechnen, und damit hausieren zu gehen, haben wir natürlich ein riesiges Problem. Nämlich Menschen, die meine Gedanken ganz genau kennen, sie für sich selbst und für ihre Verwandtschaft sicher auch in Anspruch nehmen, wollen aber uns erzählen wollen, dass die Reduktion auf einen Erstattungsbetrag das Gebot der Stunde ist. 

 

Druckversion | Sitemap
© companyname

Diese Homepage wurde mit IONOS MyWebsite erstellt.